
Man kann hundertmal durch die Hamburger Innenstadt laufen und trotzdem an einem der faszinierendsten Orte der Stadt vorbeigehen.
Zwischen Rathaus, Rödingsmarkt und Speicherstadt ragt der 147 Meter hohe Turm von St. Nikolai in den Himmel.
Das Kirchenschiff fehlt.
Der Turm steht.
Und genau diese Leerstelle erzählt mehr über Hamburg als so manches vollständig restaurierte Gebäude.
St. Nikolai war mittelalterliche Seefahrerkirche, eine der Hamburger Hauptkirchen, Opfer des Großen Brandes, anschließend neugotisches Prestigeprojekt, für kurze Zeit höchstes Bauwerk der Welt, Orientierungspunkt für alliierte Bomber und schließlich Kriegsruine.
Heute ist die ehemalige Kirche ein Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft.
Und jetzt beginnt ein weiteres Kapitel.
Bis 2028 soll das Mahnmal räumlich und funktional grundlegend weiterentwickelt werden. Dabei geht es nicht darum, die Kirche wieder aufzubauen. Die Ruine soll Ruine bleiben. Aber aus einem Ort, an dem viele Besucher bislang eher zufällig vorbeikommen, soll ein wesentlich stärkerer Ort der Erinnerung, Bildung, Begegnung und Stadtkultur entstehen
Die Geschichte von St. Nikolai beginnt im 12. Jahrhundert.
Nahe der damaligen Alstersiedlung entstand eine Kapelle für ungefähr 300 Menschen.
Dass sie dem Heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Seefahrer und Reisenden, gewidmet wurde, war in einer Handels- und Hafenstadt natürlich kein Zufall.
Zwischen 1240 und 1250 wurde daraus eine größere Backsteinkirche. Ende des 14. Jahrhunderts folgte eine weitere Erweiterung auf rund 1.500 Plätze.
Schon damals war St. Nikolai also eng mit dem Aufstieg Hamburgs als Handelsstadt verbunden.
Dann kam der 5. Mai 1842.
Während des Großen Hamburger Brandes erreichten die Flammen St. Nikolai.
Am Morgen hatte hier noch ein Gottesdienst stattgefunden.
Am Nachmittag brannte der Turm.
Schließlich stürzte er ein und setzte auch das Kirchenschiff in Brand.
Die alte Nikolaikirche war verloren.
Hamburg entschied sich anschließend nicht für eine bescheidene Ersatzkirche.
Natürlich nicht.
Die Stadt war reich, selbstbewusst und befand sich mitten im 19. Jahrhundert. Wenn schon neu gebaut wurde, dann sollte man es auch sehen.
Mit dem Neubau wurde der britische Architekt George Gilbert Scott beauftragt.
1846 begann der Bau der neugotischen Kirche.
Das Ergebnis war monumental.
Der Turm erreichte 147,3 Meter.
Und nach seiner Fertigstellung war St. Nikolai zeitweise tatsächlich das höchste Bauwerk der Welt.
Man muss sich das aus heutiger Perspektive vorstellen:
Bevor Wolkenkratzer Manhattan prägten, bevor der Eiffelturm existierte und lange bevor die Elbphilharmonie überhaupt jemandem Kopfschmerzen bei der Kostenplanung bereiten konnte, stand eines der höchsten Bauwerke der Erde mitten in Hamburg.
Die nächste Zäsur kam im Sommer 1943.
Während der alliierten Luftangriffe der Operation Gomorrha wurde Hamburg schwer zerstört. Mehr als 34.000 Menschen kamen ums Leben.
Auch St. Nikolai wurde schwer getroffen.
Der Turm blieb jedoch stehen.
Seine Höhe hatte während der Angriffe sogar eine makabre Funktion: Er diente den alliierten Bomberbesatzungen als Orientierungspunkt.
1951 wurden große Teile der beschädigten Mauern des Kirchenschiffs abgetragen.
Der Turm und Teile der Ruine blieben erhalten.
1960 kam die Ruine unter Denkmalschutz, seit 1977 dient der Ort als Mahnmal und Erinnerungsstätte.
Das ist eine der interessantesten Fragen dieses Ortes.
Andere bedeutende deutsche Kirchen wurden nach dem Krieg rekonstruiert.
St. Nikolai nicht.
Und heute liegt gerade darin ihre Kraft.
Eine vollständig wiederaufgebaute neugotische Kirche wäre beeindruckend.
Die Ruine dagegen zwingt den Besucher, darüber nachzudenken, warum das Kirchenschiff fehlt.
Der Turm zeigt, was einmal da war.
Die Leere zeigt, was passiert ist.
Und jetzt kommt der Teil, den erstaunlich viele Hamburger selbst noch nie erlebt haben.
Im Turm befindet sich ein gläserner Panoramalift.
Er fährt auf eine Aussichtsplattform in 76 Metern Höhe.
Von dort sieht man unter anderem Rathaus, Speicherstadt, Elbphilharmonie, Alster und große Teile der Hamburger Innenstadt.
Mahnmal St. Nikolai
St. Nikolai ist als Aussichtspunkt völlig anders als Michel oder Elbphilharmonie.
Man befindet sich mitten zwischen Altstadt und Speicherstadt.
Dadurch versteht man Hamburgs Stadtstruktur hervorragend: Rathaus und Binnenalster auf der einen Seite, Speicherstadt und HafenCity auf der anderen.
Aussicht: 9,5/10.
Wer seinen Besuch planen kann, sollte Donnerstagmittag wählen.
Im Turm befindet sich seit 1993 eines der größten Glockenspiele Deutschlands mit 51 Glocken.
Jeden Donnerstag um 12 Uhr finden kostenlose Live-Konzerte statt.
Damit bekommt man Aussicht, Architektur, Geschichte und Carillon gleichzeitig.
Das ist unser klarer PortalHamburg Insider-Termin.
Unterhalb des ehemaligen Kirchenschiffs befindet sich im historischen Kellergewölbe ein Museum.
Auf rund 350 Quadratmetern erzählt es die Geschichte von St. Nikolai, den Luftkrieg über Hamburg und insbesondere die Operation Gomorrha.
Wichtig ist dabei die Perspektive.
Das Mahnmal erinnert an die Opfer der Bombenangriffe ausdrücklich im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Die Ausstellung versucht also nicht, Hamburgs Zerstörung isoliert von ihrer historischen Ursache zu erzählen.
Und genau dieser Bildungsauftrag soll künftig erheblich ausgebaut werden.
Hier wird es für die kommenden Jahre besonders interessant.
Der Bund hat St. Nikolai als eines von nur 17 Projekten in Deutschland für das Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ ausgewählt.
Dafür kommen 2 Millionen Euro Bundesförderung.
Hamburg stellt mindestens eine weitere Million Euro bereit. Hinzu kommen Mittel des Förderkreises.
Aktuelle Hamburger Haushaltsunterlagen beziffern die Gesamtmaßnahme inzwischen auf rund 5,1 Millionen Euro.
Das ist also keine kosmetische Verschönerung mit drei Sitzbänken und einem Pflanzkübel, worauf deutsche Innenstadtentwicklung gelegentlich erschreckend stolz sein kann.
St. Nikolai soll funktional neu gedacht werden.
Die Umsetzung ist bis 2028 vorgesehen.
Geplant sind insbesondere eine Neuordnung des Areals und ergänzende Bauten. Im Untergeschoss sollen transparente Kuben entstehen, die multifunktional für Bildung und Begegnung genutzt werden können.
Der Zugang zum Museum soll deutlich attraktiver und besser wahrnehmbar werden.
| Besucher | PortalHamburg Score |
|---|---|
| Hamburg-Erstbesucher | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Geschichtsinteressierte | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Architektur-Fans | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Fotografen | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Paare | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Singles | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Familien mit Jugendlichen | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Familien mit kleinen Kindern | ⭐⭐⭐☆☆ |
| Schulklassen | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Shopping-Fans als Teil einer Route | ⭐⭐⭐⭐☆ |
| Kunst- & Kulturinteressierte | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
| Aussichtspunkte | ⭐⭐⭐⭐⭐ |
Vielleicht noch interessanter ist die Verbindung zur Umgebung.
Denn das Problem von St. Nikolai ist nicht nur das Mahnmal selbst.
Es ist die städtebauliche Situation.
Die breite Willy-Brandt-Straße zerschneidet das historische Gebiet. Der Hopfenmarkt verlor nach dem Krieg einen großen Teil seiner früheren räumlichen Qualität.
Bereits 2022 fand deshalb ein Wettbewerb zur Neuordnung des Hopfenmarktes statt.
Der prämierte Entwurf sieht unter anderem vor, den ruhenden Verkehr deutlich zu reduzieren, den vorhandenen Baumbestand zu erhalten und ein geordneteres Platzbild zu schaffen. Außerdem soll die Verbindung Richtung Deichstraße und Speicherstadt attraktiver werden.
Das ist städtebaulich mindestens genauso wichtig wie die Modernisierung des Museums.
Denn plötzlich könnte St. Nikolai wieder Bestandteil eines zusammenhängenden Stadtspaziergangs werden:
Rathaus → Nikolai Quartier → St. Nikolai → Hopfenmarkt → Deichstraße → Speicherstadt → HafenCity.
Das wäre hervorragend.
St. Nikolai ist keine klassische Hamburger Sehenswürdigkeit.
Und genau deshalb gehört der Ort für uns zu den wichtigsten.
Der Michel zeigt das Hamburg, auf das die Stadt stolz ist.
Die Speicherstadt zeigt das Hamburg des Handels.
Die Elbphilharmonie zeigt das Hamburg des 21. Jahrhunderts.
St. Nikolai zeigt, was Hamburg verloren hat.
Aber der Ort soll künftig nicht in seiner Vergangenheit erstarren.
Bis 2028 werden Mahnmal und Museum räumlich neu geordnet. Neue transparente Räume sollen Bildung und Begegnung ermöglichen, bislang ungenutzte Kellergewölbe aktiviert und der Zugang zum Museum wesentlich besser in den Stadtraum integriert werden. Gleichzeitig wird auch die Verbindung zum Hopfenmarkt und zum umliegenden Nikolai Quartier neu gedacht.
Das ist die richtige Richtung.
Denn man sollte St. Nikolai niemals wieder aufbauen.
Die Ruine selbst ist die stärkste Ausstellung, die dieser Ort besitzt.
Was Hamburg tun kann, ist etwas anderes: die Leere verständlicher machen, den Ort öffnen, Menschen hineinholen und ihn wieder stärker mit der Stadt verbinden.
Dann könnte aus einem Mahnmal, an dem heute noch viel zu viele Menschen einfach vorbeilaufen, bis 2028 einer der spannendsten historischen und kulturellen Orte der Hamburger Innenstadt werden.
Nicht trotz der fehlenden Kirche. Sondern gerade deshalb.
Bisher ungenutzte Bereiche des Kellergewölbes sollen für:
Workshops
Seminare
Veranstaltungen
und Demokratiebildung
erschlossen werden.
Die Ruine soll dabei ausdrücklich als Erinnerungsort erkennbar bleiben.
Das ist entscheidend.
St. Nikolai wird nicht rekonstruiert. St. Nikolai wird aktiviert.